Unsere Vereinsfahne

München, 14. August 1892

An den verehrten Ausschuß des Vereins "die Wallberger" Egern-Rottach

In Ergänzung meiner Schenkungs-Urkunde vom Heutigen, habe ich noch folgende Wünsche über die Ihnen übergebene Vereinsfahne zum Ausdruck zu bringen und erbitte mir selbe in Ihrer demnächsten Generalversammlung zum Beschluß-Protokoll zu nehmen

1.) Die Fahne ist stets beim jeweiligen 1. oder 2. Vorstand des Vereines aufzubewahren.

2.) Soll selbe bei keinen offiziellen Anl. fehlen und besonders bei den Generalversammlungen, Monatszusammenkünften, Ausflügen p.p. mitgeführt und entrollt werden.

3.) Es ist vom Verein früher oder später mit allen Mitteln anzustreben, daß die Fahne ihre kirchliche Weihe erhält.

4.) Ist dieses erreicht oder nach kirchlichem Ritus zulässig, so hat die Fahne jedem Mitgliede, daß in Egern-.Rottach zur letzten Ruhe bestattet wird, das Ehrengeleit zu geben.

5.) Sollte sich der Verein durch irgendwelche Differenzen theilen, so hat die Fahne beim ursprünglichen gleichen alten Verein, als deren unbestrittenes Eigenthum zu verbleiben. In zweifelhaften Fällen hat ein Schiedsgericht von sechs Nichtmitgliedern zu entscheiden bei einer  2/3 Majorität. Die Achtung dieses Beschlusses ist Ehrensache.

6.) Die Bereicherung der Fahnenbänder ist anzustreben.

7.) Wird der Verein "die Wallberger" Mitglied anderer Volkstrachterhaltungs- oder alpiner Vereine, so sind deren Vereinsabzeichen im Knopfkranz anzubringen8.) Die Erneuerung des Knopfkranzes aus Alpenrosen und Edelweiß  ist im notwendigen Falle statthaft.

9.) Der jeweilige Fahnenträger ist alljährlich aus der Mitte des Ausschusses mit seinem Ersatzmann durch das Los zu bestimmen. Der 1. und 2. Vorstand ist selbstredend dabei ausgeschlossen.

10.) Löst sich der Verein "die Wallberger" auf, so ist die Fahne der Gemeindeverwaltung Egern-Rottach dem Herrn Bürgermeister auszuhändigen und nur wieder zurück zu erlangen, sobald sich ein gleicher Verein, mit gleichem Namen und Tendenzen, sowie mit Sitz in Egern-Rottach anstituirt und diese meine Sonderbestimmungen schriftlich aceptirt.

Ich erachte die Berücksichtigung dieser meiner Wünsche als Ehrensache, wünsche dem Verein eine gedeihliche Entwicklung seiner schönen Sendungen

München den 14. August 1892
Theodor Neumayer


Bericht über die Veranstaltungen gelegentlich der Feier des 40. Stiftungsfestes und der Fahnenweihe am 29. und 30. Juni 1929 dem Verein gewidmet von Hugo Brandl




Die Gründung des Vereins "Die Wallberger" erfolgte im Jahr 1889; der Verein konnte somit im Jahr 1929 sein 40jähriges Stiftungsfest begehen.

Wenn auch die mißlichen Zeiten nicht sehr dazu angetan waren, Feste zu feiern, so wollte die Vorstandschaft diesen für den Verein bedeutungsvollen Abschnitt doch nicht sang- und klanglos vorübergehen lassen. Es wurde demgemäß beschlossen, das Jubiläum in kleinerem Ausmaße, als es sonst bei solchen Anlässen üblich ist, zu begehen; insbesondere sollte von der Einladung sämtlicher Bruder- und Trachtenvereine des Tegernseer Tales wegen der damit für den Verein verbundenen nicht unbeträchtlichen Kosten abgesehen und das Fest im engeren Kreise begangen werden.Bevor mit der Schilderung der Festlichkeiten begonnen sei, dürfte es zur Geschichte der neuen Fahne nicht uninteressant sein zu erwähnen, daß der 1. Vorstand Peter Schiffmann seit langem den lebhaften Wunsch hegte, dem Verein, wenn irgend möglich, gelegentlich des Jubiläumsfestes zu einer neuen Fahne zu verhelfen. Aber wie? Er sondierte zunächst unter der Hand und auch in einer Versammlung, wie die Stimmung für diesen Plan sei, mußte aber zu seinem Bedauern erfahren, daß ein diesbezüglicher Antrag kaum eine Mehrheit finden würde. Unter den Gegnern befand sich auch der 1. Bürgermeister, Herr Felix Bachmair. Es wurde, nicht mit Unrecht, gesagt, man solle die alte Fahne, die dem Verein seit 37 Jahren vorangetragen wurde, auch in Zukunft in Ehren beibehalten, wenn sie auch, wie zugegeben werden Müsse, für die Größe und das Ansehen des Vereins allzu dürftig geworden sei, zumal in einer Zeit, wo der Geschmack ein anderer geworden und selbst kleinste Verein prächtige Fahnen angeschafft haben. Aber, so hieß es, eine alte Fahne und wenn sie noch so unansehnlich sei, habe doch einen weit höheren, weil historischen Wert, wie die schönste neue.

Der Vorstand Schiffmann wollte indes nicht ohne weiteres seinen Plan fallen lassen. Er vertraute sich dem Verfasser dieses Berichtes an und erbat sich dessen Meinung. Aber auch dieser war der eben geschilderten Ansicht. Da Schiffmann klar geworden war, daß der Verein die Mittel zur Anschaffung einer neuen Fahne nicht bewilligen würde, beschäftigte er sich mit dem Gedanken, die Fahne auf irgend eine andere Weise zu bekommen, dies aber vollständig geheim zu halten und dem Verein, ähnlich, wie es der Stifter der ersten Fahne getan, bei der Jubiläumsfeier mit einer neuen Fahne zu überraschen - ein an sich prächtiger Gedanke! Angesichts dieser, so meinte er, würde sich wohl kein Widerstand mehr erheben.

Der Verfasser dieser Zeile legte ihm dar, daß eine vollständige Geheimhaltung eine pure Unmöglichkeit sei; käme die Sache aber vorzeitig an die Öffentlichkeit, so wäre eine Blamage kaum zu vermeiden; man müsse darum die Sache anders aufziehen. Schiffmann ließ sich davon überzeugen und betrieb die Angelegenheit wieder mehr öffentlich. Mittlerweile wurde die Stimmung innerhalb des Vereins für das Projekt etwas besser und schließlich begann sich auch der Herr Bürgermeister dafür zu erwärmen, was diesem hier besonders gedankt sei. Und so stand schließlich der Anschaffung der neuen Fahne nichts Wesentliches mehr im Wege, bis auf die Aufbringung der Kosten.

Auf Vorschlag des Unterzeichneten wurde an die außerordentlichen Mitglieder mit einem von ihm verfaßten Aufruf zur Gewinnung von Spenden herangetreten. Daneben setzte er sich mit dem Vorstand des Alten Herrn-Verbandes des mit den "Wallbergern" seit 35 Jahren befreundeten Corps Vitruvia, Herrn Reichsbahnoberrat Georg Martin in München, in Verbindung und fand bei diesem Herrn die liebenswürdigste Aufnahme und ein offenes Ohr für die Bitte, an sämtliche Angehörige des Corps mit einer Sammlung herantreten zu dürfen. Der vom Schreiber dieser Zeilen entworfene, am Schluß dieses Berichtes angeheftete Aufruf fand die volle Billigung des Corps und wurde in festlicher Aufmachung mit einem extra beigelegten warmen Empfehlungsschreiben des Herrn Martin an über 300 Angehörige des Corps übersandt. Das höchst erfreuliche Resultat war, daß der Corps als Ergebnis seiner Sammlung die stattliche Summe von M 400,- überreichen konnte, so daß zusammen mit den Spenden der außerordentlichen Mitglieder und verschiedener Gönner des Vereins die Kosten der Fahne fast ohne Inanspruchnahme der Vereinskasse aufgebracht wurden.

Nun konnte man an die Ausrüstung des Festes gehen als dessen Termin der 29. und 30. Juni bestimmt wurden. Der Arbeiten waren es viele und es sei hier ausdrücklich dankbar anerkannt, daß sich zahlreiche Mitglieder insbesondere Frauen und Madeln an den Vorarbeiten, wie Binden von Kränzen und Girlanden, beteiligten und bis zum letzten Tage tapfer mithalfen, was besonders erwähnt werden muß, denn daneben liefen auch noch Proben für das aufzuführende Theaterstück, wie nicht minder die gewählten Ehrenjungfrauen mit dem Auswendiglernen des Prologes und der einzelnen Fahnenbänder-Gedichte beschäftigt waren.

Die Stelle der Fahnenmutter hatte in liebenswürdiger Weise Frau Therese Rauchenecker übernommen; als Fahnenbraut wurde Frl. Katharina Strohschneider bestimmt; als Festjungfrauen wurden gewählt:
Frl. Julie Reinhard
Frl. Agathe Köpf
Frl. Rosa Hübsch
Frl. Therese Maier
Frl. Amalie Kerndl
Frl. Maria Hagn.

Das Programm wurde in allen Einzelheiten festgelegt und sah für den 29. Juni einen Begrüßungsabend im Saale des Gasthofes zur "Überfahrt" und für den folgenden Tag die eigentliche Fahnenweihe vor. Als Festplatz für die feierliche Übergabe der Fahne wurde die Max Josef-Anlage gewählt, wo der dortige Musikpavillion zu einem äußerst wirkungsvollem Ehrentempel mit hohem geräumigen Podium umgewandelt wurde., während im anstoßendem schönen Garten des Vereinswirtes Anton Kefer zur "Seerose" Platz für ungezählte Gäste und eine große Tanzfläche errichtet wurde. Hervorragende hübsche und geschmackvolle Triumpfbogen wurden beim "Stachus" und am Eingang zum Festplatz aufgestellt; sie wurden nach Angabe von Kassier Georg Höss durch die Hagrainer und Oberacher Zeche ausgeführt.

Der Begrüßungsabend

So brach endlich der erste Festtag an. Viele Häuser trugen Fahnen- und sonstigen Schmuck, wobei insbesondere das Anwesen des Gründers, Herrn Carl Reinhard, sich durch seine reizende Dekoration auszeichnete. Das in den letzten Tagen recht unsichere Wetter, das der Vorstandschaft viele Sorgen machte, erfuhr einen völligen Umschwung: ein herrlicher wolkenloser Himmel strahlte über dem Herrgottswinkel, ein Pracht- und Festwetter, wie es schöner nicht zu denken war.

Gegen Mittag wurde am Bahnhof Tegernsee die aus Wien gekommene Deputation des dortigen Zweigvereins der "Wallberger", insgesamt 18 Damen und Herren, an der Spitze der verdiente 1. Vorstand, Herr Viktor Bielz, sowie auch die Abordnung der Brünner "Wallberger" empfangen und in zwei geschmückten Gesellschaftsautos ins Vereinslokal überführt. Inzwischen waren die letzten Vorbereitungen getroffen und der Saal der "Überfahrt" festlich geschmückt worden.

Schon lange vor Beginn des Begrüßungsabends war der große Saal bis auf den letzten Platz besetzt und für viele Nachzügler gab es nur mehr Stehplätze in drangvoller Enge. Nächst der Bühne nahm an einer geschmückten Tafel die noch lebenden 9 Gründungsmitglieder und deren Angehörigen Platz, in deren Nähe auch den Wiener und Brünner Freunden ein Ehrenplatz gerichtet war.

Um 8 Uhr eröffnete die treffliche Tegernseer Musikkapelle unter Leitung des Dirigenten Josef Poschenrieder mit einem schneidig gespielten Marsch den Abend. Nach einem weiteren Musikstück hielt der 1. Vorstand Peter Schiffmann folgende Ansprache, die allgemeinen Beifall fand.

"Hochverehrte, liebe Festgäste!

Als Vorstand des Vereins "die Wallberger" ist es mir eine ehrenvolle Pflicht, Sie Alle, die zu unserem Feste gekommen sind, herzlichst willkommen zu heißen. Ich begrüße in erster Linie und freudigen Herzens unsere 9 noch lebenden Gründungsmitglieder, sodann Herrn Bürgermeister Bachmair, unsere verehrten Ehrengäste und all die vielen Freunde, Gönner und Förderer unseres schönen Vereinszweckes, ganz besonders auch unsere lieben Wiener Wallberger, die die weite Reise zu uns nicht gescheut haben und nicht minder auch die Herren Vertreter des hochverehrlichen Corps Vitruvia aus München mit einem treubayerischen, von Herzen kommenden "Grüß Gott"!

Wir stehen heute am Vorabend unseres 40. Stiftungsfestes und es ehrt uns in hohem Maße, daß Sie unserer Einladung gefolgt sind. Insbesondere ehrt uns Ihr Besuch aber um deswillen, weil wir daraus entnehmen dürfen, daß sie uns in unserem harten Ringen gegen die mehr und mehr in unser Landvolk eindringende Modernisierung alles Alten und Guten aus besserer Zeit, daß Sie unseren Bestrebungen gegen die Verdrängung und Ausrottung unserer bodenständigen heimatlichen Tracht und Gebräuche tatkräftig zu unterstützen gewillt sind. Sie alle, ob alt, ob jung, ob hoch, ob nieder, liefern uns dadurch den untrüglichen Beweis, daß die Liebe zur Volkstracht, zu den Sitten und Gebräuchen des Gebirgsvolkes noch nicht erloschen ist und daß Sie dazu beitragen wollen an ihrer Erhaltung, trotz allem und alledem. Wäre es nicht undankbar von uns, wollten wir uns schämen, eine Tracht hochzuhalten, die unsere Väter und Mütter mit stolz getragen, wäre es nicht undankbar gegen unsere liebe, treue Heimat, wäre es nicht undankbar auch gegen die tausende und Abertausende treuer Oberlandler, die für das Vaterland das Leben gelassen haben, wenn wir uns durch undeutsche Bestrebungen dazu verleiten ließen, alles, was, uns hoch und teuer ist zu verleugnen und zu begraben? Dies zu verhüten, mit aller Kraft und allen Mitteln zu verhüten, ist die Aufgabe unseres Vereins, und wir dürfen uns das Zeugnis ausstellen. daß dieser in den 40 Jahren seines Bestehens alles getan hat, um unser geliebtes Bayerisches Hochland rein zu erhalten von Bestrebungen, die unsere besten Güter zu vernichten geeignet sind. Darum bitten wir Sie alle, die heute hier versammelt sind und sich eines Sinnes mit uns fühlen, helfen Sie uns auch ferner, daß es niemand und niemals gelinge, uns von unseren Zielen abzudrängen, helfen Sie uns, daß allezeit und immerdar rein und unverfälscht erhalten bleibe Oberlandler Art und Sitte und damit auch unsere prächtige Volkstracht nach dem schönen Spruch: "Treu dem guten alten Brauch!"

Nach einem weiteren Musikstück sprach Therese Maier, Weißach, den vom Ehrenmitglied, Gewerberat Hugo Brandl, München, verfaßten Festprolog. ...
Der Prolog war dank der deutlichen und kräftigen Aussprache der Vortragenden bei lautloser Stille im ganzen Saale verständlich. Ein ergebender, tief ergreifenden Augenblick war es, als die Sprecherin zu einem kurzen Gedenken für die 35 im Weltkrieg gefallenen Mitglieder aufforderte. Die ganze Versammlung erhob sich, während die Musik die Weise vom "guten Kameraden" spielte und draußen am See der Ehrensalut geschossen wurde. Wohl kein Auge blieb bei diesem zu Herzen gehenden Gedenken trocken! Es folgten wieder einige Musikstücke, worauf der 2. Vorstand Korbinian Kandlinger die vom Verein betätigten Ehrungen mit einer Ansprache vornahm. -
zum Ehrenvorstand wurde Herr Carl Reinhard ernannt; weiter Ehrenmitglieder siehe unter Ehrenmitglieder; des weiteren wurden Ehrenurkunden für 25 jährige Mitgliedschaft vergeben -

Nach diesem Ehrenakt gab der 1. Vorstand der "Wiener Wallberger", Herr Viktor Bielz, bekannt, daß der Verein den nachstehenden Mitgliedern des Stammvereins Rottach, folgende Auszeichnungen verliehen hat:

Zu Ehrenmitgliedern wurden ernannt:
Herr Bürgermeister Felix Bachmair in Rottach
Herr Gewerberat Direktor Hugo Brandl in München
Mit silbernen Ehrenringen wurden bedacht:
Herr Ehrenvorsitzender Carl Reinhard, Rottach
Herr 1. Vorstand Peter Schiffmann, Rottach
Herr Ehrenmitglied und 1. Zeugwart Ludwig Baumgartner, Rottach
Herrn Ehrenmitglied Peter Buchberger, Hagrain

Ferner gab Herr Bielz bekannt, daß der Ritterorden des Weißen Kreuzes in Wien folgende Mitglieder des Stammvereins mit der Wildburgmedaille ausgezeichnet und ihn mit deren Übergabe beauftragt habe:

Herr Ehrenvorsitzenden Carl Reinhard, Rottach
Herrn Zeugwart Ludwig Baumgartner, Rottach
Herrn Jakob Kiechl, Kalkofen

Nach einer längeren Pause folgte dann die Aufführung eines einaktigen oberbayrischen Lustspiels "s´Wallberger Miadei" von Quirin Kinast, das bei dem trefflichen Zusammenspiel aller Mitwirkenden allgemeine Heiterkeit und großen Beifall auslöste. Die Bestzung der Rollen war folgende:
Der Karnerbauer ..........................................Michael Stoib sen.
Sepp, dessen Sohn .......................................Johann Kandlinger
s´Wallberger Miadei .....................................Rosa Hübsch
Eggin, ihre Mutter .........................................Elise Gässl
Veitl, Miadeis Bruder, ein Kühbub ............... Max Kienast
Dr. Bindl, ein Tourist aus Berlin .....................Simon Pramstaller
Nandl, eine Sennerin .....................................Therese MaierNach einigen Musikvorträgen, und im weiteren Verlauf des Abends wurden noch mehrere Reden geschwungen.

Einen besonderen Genuß bereiteten den Festgästen sodann die Almgesänge der Oberacher Sänger, die für ihre trefflichen Darbietungen stürmisch bedankt wurden, nicht minderen Beifall erntete Frl. Anni Kienast, die mit ihren Schülern durch reizende Zithervorträge erfreute und zu verschiedenen Dreingaben veranlaßt wurde.

Den Rest des Abends füllte die Musikkapelle aus, deren schmissiges Spiel bei Einheimischen, wie Fremden allseitiges Lob fand.

Es war bereits Mitternacht vorüber, als man den Heimweg mit dem Bewußtsein antrat, einen prächtigen, echt bodenständigen Abend verlebt zu haben, wie sie nur in unserem schönen Oberland geboten werden können.
Ein wundervoller Sternenhimmel wölbte sich über den See und ließ auch für den Haupttag gleich schönes Wetter erhoffen.

Da war es denn eine bittere Überraschung, als am frühen Morgen des 30. Juni der Himmel voller Wolken hing und ein ergiebiger Schnürlregen fiel. In gezierten Wagen wurden die Gründungsmitglieder zum Sammelplatz des Festzuges - Gasthof "zur Post" - gebracht, wo ihnen und den Ehrenjungfrauen ein kurzes Frühstück mit Wein kredenzt wurde. Es war ein schmerzlicher Anblick, als die Trägerinnen der schönen und historischen Trachten mit aufgespannten Regenschirmen sich einfanden und nur mit Mühe ihre kostbaren Gewänder vor dem Regen schützen konnten. Doch der Himmel hatte zunächst ein Einsehen: als der Festzug sich in Bewegung setzte, hatte es zeitweise zu regnen aufgehört.Der Zug wurde eröffnet durch Steiger der freiwilligen Feuerwehr. Dann folgten:

1) Die Gebirgsschützenkompanie
2) Die neue, noch verhüllte Fahne, getragen von Festjungfrauen im Schalk
3) Die Fahnenbraut mit zwei Begleiterinnen
4) Die Fahnenmutter mit zwei Festjungfrauen mit den Erinnerungsbändern
5) Drei Festjungfrauen mit dem für den Patenverein "D´Hirschbergler" von Reitrain und dem für die Wiener  Wallberger bestimmten Bändern, sowie mit dem Trauerband für die Gefallenen.
6) Der Patenverein mit Fahne und Musik.7) Der Trachtenverein "Neureuther" von Gmund8) Der Trachtenverein "D´Leonhardstoan" von Kreuth9) Der Trachtenverein "Bayrischzeller" von Bayrischzell
10) die Freiwillige Feuerwehr mit Standarte
11) Der Veteranen- und Kriegerverein, Rottach-Egern
12) Der Arbeiterverein Egern
13) Der Burschenverein Rottach
14) Der Turnverein Rottach
15) Der Arbeiterverein Schwaighof
16) Der Verein "Concordia" Weißach
17) Die Festmusik in alter Tegernseer Tracht
18) Die Deputation des Corps Vitruvia, München
19) Die Deputation des Vereins "Die Wiener Wallberger", Wien
20) Die alte Fahne, getragen und begleitet von Gründungsmitgliedern
21) Die historische Gruppe in alten Trachten
22) Die Gründungs- und Ehren-Mitglieder des Vereins
23) Der Festverein; die Mannsleut in kurzer Hose, die Weiberleut mit seidenen Tüchel und Schnürhut

Es war ein ungemein farbenprächtiger Zug, der sich zur Pfarrkirche bewegte, woselbst nach einem Gottesdienst die feierliche Weihe der Fahne nach kirchlichem Zeremoniell und einer gehaltvollen Ansprache durch HH. Kooporator Messmeringer erfolgte, wobei der Verein "D`Hirschbergler" die Patenstelle übernommen hatte.Hierauf wurde an der Kriegergedächtnisstätte einer großer Lorbeerkranz "Den Gefallenen des Vereins - Die Wallberger" vom Vorstand Schiffmann niedergelegt.

Unter Böllerschüssen senkte sich die Fahne, worauf von der Musik das Niederländische Dankgebet gespielt wurde.

Als der Zug sich zum Rückmarsch formierte, setzte heftiger Regen ein und bei der Ankunft auf dem Festplatz, sowie während des ganzen Aktes der Fahnenübergabe und der Verteilung der Erinnerungsbänder goß es in Strömen und der Regen trommelte derart auf die unzähligen Regenschirme, daß nur die ganz vorne Stehenden etwas verstehen konnte.

Damit war der mit soviel Mühe vorbereitete, jedoch durch den Regen so sehr beeinträchtigte Festakt zu Ende. Der Festzug mußte sich vorzeitig auflösen und alles suchte ein schützenden Dach zu erreichen. Im Nu waren die sämtlichen Räume des Gasthofes "zur Seerose" überfüllt, Hunderte konnten keinen Platz mehr finden und es hatte ganz den Anschein, als sollte das weitere Programm des Festes buchstäblich ins Wasser fallen. Viele der am Tegernsee ihren urlaub verbringenden Fremden, die gekommen waren, um Zeuge eines echten Bayerischen Oberlandler Volksfestes zu werden, sahen sich in ihren Erwartungen bitter enttäuscht.

An einen Aufenthalt im Freien war zunächst nicht zu denken,, denn es goß weiter in Strömen. Die Berge waren vollständig unsichtbar geworden und der Festplatz mit seinen umfangreichen Vorbereitungen lag verödet und verlassen da. In den ersten Nachmittagsstunden begann die Sonne ein neckisches Spiel: sie zerriß den Wolkenschleier und lachte freundlich auf den nassen Festplatz herab. In Eile wurde dieser, soweit tunlich, wieder in Stand gesetzt; alles strömte in den Garten und bald entwickelte sich ein ungemein lebhaftes und heiteres Treiben. Es wurde ununterbrochen geplattelt und mancher hübsche Volkstanz zur Aufführung gebracht. Jedoch mit des Geschickes Mächten ist kein ewiger Bund zu flechten - nach einer Stunde trieb ein neuerlicher ergiebiger, langandauernder Regen wieder alles in die Flucht. In drangvoll fürchterlicher Enge wartete man diese neue Bescherung ab. Da kam die Sonne zum zweiten Mal zum Vorschein, die Musik zog wieder in den Garten und bald lockte sie mit einem schneidigen Landler Jung und Alt neuerdings ins Freie. Die Berge standen wieder rein und klar da und nun - es war inzwischen langsam Abend geworden - hatte das Wetter endlich Bestand und es herrschte bis in die Nachtstunden hinein ein äußerst fröhlicher Betrieb, der durch keinen Mißton gestört wurde, so daß auch der zweite Festtag einen guten Ausklang fand und jeder Teilnehmer in bester Stimmung den Heimweg mit dem Bewußtsein antrat, ein Fest erlebt zu haben, das ihm dauernd in schöner und angenehmer Erinnerung haften wird. Und er genoß auf diesem Heimweg, gewissermaßen als leuchtenden Abschluß des Festes noch das prächtige Schauspiel des im Magnesiumlicht erstrahlenden Riedersteins. Wie dieses stolze Wahrzeichen des Herrgottswinkels in blendendem Weiß vom dunklen Nachthimmel sich abhob, das war ein unvergeßlicher Anblick!

Einige Tage nachher wurde den noch anwesenden Wiener Gästen ein schnell improvisierter urgemütlicher Abschiedsabend im Nebenzimmer des Gasthofes "zur Post" bereitet, bei der eine kleine Kapelle, bestehend aus Anni und Max Kienast, Karl Holl und Georg Bichler, ganz vortrefflich musizierte. Bei lustigen Vorträgen und ausgiebiger Tanzerei, wobei sich die Gattin des Wiener Vorstandes, Frau Margarete Bielz und Herr Rupert Rieger (genannt "Dagobert") durch Aufführung eines reizenden alten Steyrertanzes besonders hervortaten, nahm dieser Abend einen äußerst animierten Verlauf. Manche Reden wurden geschwungen und Freundschaften geschlossen. Kein Wunder, daß niemand an den Aufbruch dachte, und daß der Tag schon graute, als die letzten sich auf den Heimweg machten.




Schlußwort

Das prächtige Fest hatte damit seinen endgültigen Abschluß gefunden; die letzten der noch anwesenden Wiener Gäste hatten uns verlassen und bis zuletzt ihrer großen Freude darüber Ausdruck gegeben.

Wenn das Fest einen in allen Teilen so überaus guten und dem Verein zur Ehre gereichenden Verlauf genommen hat, so ist dies in erster Linie dem tatkräftigen Ausschuß und seinem rührigen, nimmermüden 1. Vorsitzenden Peter Schiffmann zu danken. Und wenn der Verein heute eine seiner Größe und seinem Ansehen entsprechende Fahne besitzt, so darf ebenfalls nicht vergessen werden, daß die treibende Kraft dazu Schiffmann war.

Aber auch noch viele andere, deren Namen nicht genannt werden können, nicht zuletzt die Frauen und Jungfrauen des Vereins, dürfen sich redlichen Anteil an dem Gelingen des Festes zuschreiben, wie es auch dem Verfasser dieses Berichtes zur großen Freude gereicht, daß er an den Vorbereitungen und der Durchführung des Festes hatte mitwirken können.

Möge es den "Wallbergern" durch Einigkeit und festes Zusammenhalten auch weiterhin gelingen, ihre angesehene und führende Stellung unter den Vereinen, die sich die Erhaltung der Volkstrachten zur Aufgabe gemacht haben, zu erhalten, sie mehr und mehr zu festigen und so ihren Zweck, die Volkstracht im schönen Tegernseer Tal vor der Ausrottung zu bewahren, immer näher zu kommen! Das walte Gott!

Gewerberat Hugo Brandl Buchdruckereidirektor in München Ehrenmitglied des Vereins und Ehrenmitglied der "Wiener Wallberger".