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Wiener Wallberger

Die Wallberger Verein zur Erhaltung der Volkstrachten in den Alpenländern Wien


Chronik zum hundertjährigen Vereinsjubiläum 1894 - 1994

Entstehungsgeschichte der Wiener Wallberger
Kurzgefaßte Darstellung der Entstehung und Wirksamkeit des ergebenst unterzeichneten Vereines

Am 25. März 1911 wurde ein handschriftliches Dokument vom 1. Vorstand des Vereins mit dieser Überschrift angefertigt. Darin werden die Gründe für die Entstehung des Muttervereins in Rottach-Egern und dessen Zielsetzungen und Wirkungsweise festgehalten, die dem Wiener Verein als Vorbild dienten.

"Schon vor mehr als dreißig Jahren sahen einige weitblickende Männer mit ernster Betrübnis, wie die farbenprächtigen formenreichen und gediegenen Volkstrachten, die schönen Volkssitten und Gebräuche der biederen Einwohnerschaft der deutschen Alpenländer durch den alles modernisierenden Zug der neueren Verkehrsverhältnisse immer mehr verschwinden.
...Der Gebirgler war wohl seiner gediegenen Kleidung entfremdet, seiner guten herkömmlichen heimischen Volksideale beraubt, erhielt dafür aber nur sehr minderwertige neuzeitliche Ansichten und Wirre - städtisch sein sollende Lehren und Begriffe, die seinen festen Glauben, seine reine Treue zu den schönen Überlieferungen seiner Vorfahren vergifteten.
...Diesem Verfall... sollte Einhalt geboten werden, so weit es anging. Das Heil sollte in der Bildung von Abwehr-Vereinen gesucht werden.
So entstanden die Vereine zur Pflege der Volkstrachten, der Vo1kssitten und Gebräuche.

Als einer der ersten derartigen Vereine gründete sich vor 26 Jahren der Stammverein des ergebenst unterfertigten Vereines "Die Wallberger" Verein zur Erhaltung der Volkstracht in Egern-Rottach am Tegernsee (sogenannt nach dem am Fuße des Tegernsees aufragenden Wallberg). Dieser Gründung folgten viele gleichartige Vereine in Bayern, Tirol, Salzburg, Kärnten usw.
Dieser so vielen ähnlichen Vereinen als nachahmenswertes Vorbild dienende Verein zählt heute gegen 900 Mitglieder, hat Zweigvereine in Wien, Brünn und Leipzig und findet in den hervorragendsten politischen. finanziellen und künstlerischen Kreisen Münchens eine anerkennenswerte, tatkräftige Förderung." (Wie sich die hier angegebenen 26 Jahre mit der Tatsache vereinen lassen. daß der Egern-Rottacher Verein urkundlich im Jahre 1889 gegründet wurde, bleibt rätselhaft.)

Gegen Ende dieser Handschrift wird darauf Bezug genommen. warum es gerade der städtischen gutbürgerlichen Gesellschaft ein Anliegen war. Originalität. Heimatglück und Erhaltung des Brauchtums zu fördern. Es gelang dadurch nicht nur in verschiedenen Alpengegenden das Tragen der ortsüblichen Tracht zu fördern und dadurch zugleich den Fremdenverkehr zu fördern, den ansässigen Gewerbetreibenden geschäftlichen Nutzen zu verschaffen, sondern auch in Wien und in verschiedenen Kronländern durch die Veranstaltung von Festen der "Geschäftswelt ein schönes Stück Geld" verdienen zu lassen und "einen mächtigen Fremdenzuzug zu bewirken."

Es wurde also bereits damals der Wert, den die Erhaltung von Brauchtum für den Fremdenverkehr hat, erkannt. Es wurde speziell darauf verwiesen. daß "der Fremdenbesuch unseren Alpen Nutzen bringen sollte, wie ihn die Schweiz beispielsweise schon seit Menschengedenken besitze".

In einer gedruckten Kurzchronik. "Die Wallberger", Entwicklung und Wirksamkeit des unterzeichneten Volkstrachten-Vereins, Buchdruckerei Zeininger, Wien VIII. o. J., die sich weitgehend an den Wortlaut der Handschrift hält, wird weiter ausgeführt, weshalb gerade in Wien ein bayrischer Trachtenverein etabliert wurde.

Drei der Hauptgründe waren:
"die unvergeßliche Landesmutter weiland Kaiserin Elisabeth war eine bayrische Prinzessin",
steirische oder sonstige landesübliche Trachten waren bereits stark in Wien durch Vereine vertreten,
die oberbayrische Tracht wurde als einzige zum Schuhplattler-Tanz passende als unerläßlich angesehen.

Der eigentliche Anlaß war folgender gewesen:
1893 waren einige müde Bergwanderer aus Wien bei einer Wanderung durch Tirol und Bayern im Gasthof Bachmair in Egern am Tegernsee zu einem Plattlerabend des dortigen jüngst gegründeten Vereins gekommen. In einer Vereinschronik der Tegernseer Wallberger heißt es, Wiener Kaufleute hätten in den Jahren 1890-95 die jungen "Wallberger" bei ihren Festen in Enterrottach gesehen, während sie zur Kur in Wildbad Kreuth weilten. Nach ihrer Rückkehr nach Wien konstituierte sich in Wien im Restaurant "Weingartl" am Getreidemarkt die Tischgesellschaft "Die Wallberger". Zu Weihnachten 1893 war es wieder eine Wanderung, diesmal auf die Rax, die Anlaß zum Beschluß gab, die Tischgesellschaft in einen Verein umzuwandeln. Sieben Männer und drei Frauen gründeten im Jahre 1894 den Verein "Die Wallberger" Verein zur Erhaltung der Volkstrachten in den deutschen Alpenländern zu Egern-Rottach am Tegernsee und Wien, "der obwohl vollkommen selbständig, sich dennoch nach dem gleichnamigen Verein am Tegernsee richtete und dessen bewährtem Ziele nachstreben sollte."


Das heute noch bestehende Vereinsmotto heißt seit der Gründung: Treu dem guten alten Brauch.
"Nun galt es, die alten eigenartigen Weisen der Bauernmusik für diese steirischen und oberbayrischen Tänze zu erforschen, zu sammeln, was ebenso schwierig wie zeitraubend und kostspielig war. Kaum waren alle diese mühevollen und entscheidenden Fragen gelöst und die alten Tänze mit Opfern an Zeit und Geduld lobenswert geübt, wurde daran geschritten, diese Errungenschaften der Allgemeinheit wiederzugeben."

Es wurde nicht nur der Schuhplattler gepflegt, sondern auch der steirische Figurenlandler. Getanzt wurde zur Musik einer eigenen Kapelle, auch eigene Weisen wurden für den Verein komponiert. Bei Veranstaltungen, die wohltätigen und gemeinnützigen Zwecken dienten, wurden diese Tänze unentgeltlich aufgeführt. Schon im Jahre 1894 konnte der Verein als erster Volkstrachten-Verein in Wien öffentlich mitwirken. Bis in die 30er Jahre nahm der Verein an mehr als 200 Veranstaltungen teil, bei manchen als einzige Schau- und Zugnummer, zum Teil eben mit der eigenen Kapelle.
Besonders stolz waren die Mitglieder auf die Teilnahme am Frühlingsfeste am 12. und 13. Mai 1900. Dabei fanden die Aufführungen den größten Beifall und Ihre Hoheit Frau Erzherzogin Marie Josepha geruhte, die Mitglieder der Tänzergruppe durch "eine huldvolle Ansprache" auszuzeichnen. Bei großen Volkstrachtenfesten in den verschiedenen Kronländern zeigten sich die Erfolge "jahrelangen und weltausgreifenden Arbeitens zur Erhaltung der alten Volkstrachten". Im Jahre 1905 war dem Ehrenvorsitzenden Herrn Karl Schmidhuber für sein Wirken auf diesem Gebiete vom Ministerium für Inneres Dank und Anerkennung ausgesprochen worden. Zwei Jahre später tanzte die Gruppe vor Seiner Hoheit dem Herrn Erzherzog Ferdinand Karl und bekam eine goldene Medaille überreicht. 1908 wirkten sie beim Kaiserhuldigungsfestzug mit. 1910 bei der Internationalen Jagdausstellung, 1911 beim Internationalen Tanzmeister Kongress in Wien.

Der Verein unterhielt Beziehungen zu einer Vielzahl ähnlicher Vereine und wirkte bei deren Kränzchen und anderen Festen durch Tanzaufführungen mit, z.B. beim mehrtägigen Arkadenfest des neu eröffneten Wiener Rathauses, beim Eisenbahner Männergesangsverein, beim Schubertbund, beim Verein der Tiroler in Wien, dem Alpenklub, der Gesellschaft "Alpenfreunde". der alpinen Gesellschaft, D'Reichensteiner, der alpinen Gesellschaft D´Holzknecht, den "Weichtalern", D´Wildschützen", den "Voitstalern", D´Schuhplattler, dem Verein deutscher Touristen in Brünn, dem Verein D´lustigen Kraxler", dem Österreichischen Touristen Klub, und eine Reihe anderer

Zugleich erfüllte der Verein karitative Zwecke. Es wurden im Salzburgischen und Steirischen, sowie in Niederösterreich Trachten für arme einheimische Ehepaare gestiftet, bzw. Brautpaaren, die in landesüblicher Tracht heirateten, ansehnliche Ehrengaben in Bargeld überreicht. Durch Zeitungsartikel und ein Dankschreiben von Peter Rosegger dokumentiert ist auch die jährliche Beschenkung von armen Schulkindern in Roseggers Waldheimat, in St. Kathrein am Hauenstein. Die Kleidungsstücke für die Kinder wurden von ansässigen Gewerbetreibenden hergestellt, so daß auch geschäftlicher Nutzen für die Region gezogen werden konnte.
Die jährliche Weihnachtsbeschenkung wurde bis zum Beginn des zweiten Weltkrieges durchgeführt.

Der Verein hatte nicht nur eine Tanzgruppe, sondern auch eine Theatergruppe und eine Wandergruppe. Es wurden ländliche Stücke, z.B. solche von Anzengruber oder Ganghofer, aufgeführt. Die Tanzgruppe fuhr auch zu Aufführungen in Oberbayern, Salzburg, Brünn, Krems, Graz u. a. Orten. Obwohl die Anzahl der Mitglieder in den Annalen als gering bedauert wird, zählte der Verein doch zu einem der führenden Trachtenvereine in Wien. Die geringe Mitgliederzahl wird so erklärt: die Tänze seien schwierig, brauchten Kraft, Geschicklichkeit, Ausdauer und Begeisterung.

Die Mitglieder waren auch begeisterte Wanderer, war es ja die Wanderlust gewesen, die der Gründung des Vereins Anlaß gegeben hatte. So tauchte etwa 1927 die Idee auf, in der Umgebung von Wien eine Schutzhütte zu bauen. Nach mehreren erfolglosen Erkundungen wurde der Grund auf dem Roppersberg, zwischen Laab im Walde und Wolfgraben gelegen, erworben. 1930 konnte die Hütte erbaut und in den beiden folgenden Jahren erweitert werden. Sie wurde für die Ausflügler aus Wien schon bald zu einem beliebten Wanderziel. Die Mitglieder betreuten die Hütte und bewirteten die Ausflügler in uneigennütziger und aufopfernder Weise, teilweise sogar während der Kriegszeit.



Im Laufe der Nachkriegsjahre nahm das Interesse an Brauchtumspflege weitgehend ab. Der "gute. alte Brauch" des Vereinsmottos bezog sich mehr und mehr auf ein gemeinsames Bewirtschaften der Wallbergerhütte am Roppersberg, zu der an manchen Wochenenden, z.B. an den Osterfeiertagen, mehr als tausend Besucher kamen.
Ab 1960 mußte die Hütte in Pacht gegeben werden. In diesen Jahren ließ jedoch die Ausflugsfreudigkeit der Wiener in die nähere Umgebung stark nach. Der Pachtbetrieb stellte sich bald als unrentabel heraus. Die Hütte dient daher seit 1965 als Erholungsstätte für Vereinsmitglieder.

Die Theatergruppe war bis in die 50er Jahre tätig und spielte unter anderem in dem heute renovierten Theatersaal in der Josefsgasse im 8. Wiener Gemeindebezirk, dem ehemaligen Lehrerhausvereinssaal.

Das gemeinsame Wandern der Mitgl1eder wurde im Zuge der Zeit zu einem gemeinsamen Fahren. Unter dem Obmann Viktor Payer entstand in Zusammenarbeit mit Willi Fritz eine neue Tradition. Jährlich werden nun Ausflüge zu interessanten Veranstaltungen. wie z.B. zu Landesausstellungen oder zum Freilichtmuseum in Stübing bei Graz unternommen. Auf der Wallbergerhütte wurde die Tradition der Hüttenfeste im Frühjahr und Herbst wieder erneuert. Besonders erfreulich war, daß der Verein auf der Hütte die Egern-Rottacher Wallberger wieder begrüßen konnte, da die nach den 50iger Jahren unterbrochenen Kontakte durch gegenseitige Besuche seit 1988 wieder aufgelebt waren.
Daß es immer noch möglich ist. Gäste auf der Hütte zu begrüßen und die Hütte in einem tadellosen Zustand ist, verdankt der Verein in höchstem Maße der unermüdlichen Tätigkeit des Hüttenwartpaares Grete und Walter Wiehe.

Wien - Tegernsee
Obwohl im Verlauf dieser Festschrift immer wieder von den Beziehungen der Wiener und der Tegernseer "Wallberger" berichtet wurde, sollen doch einige markante Abschnitte im Verlauf der wechselvollen Geschichte eines Jahrhunderts hervorgehoben werden.

Es zeichnen sich drei Perioden ab. Die erste reicht bis über den Zusammenbruch der Donaumonarchie und des deutschen Kaiserreichs hinaus, einer Zeit, in der die Brauchtumspflege über Ländergrenzen hinweg entstanden war und nach dem Ersten Weltkrieg zu gegenseitiger Hilfe in Notzeiten führte. Einerseits zeugt eine Zeitungsnotiz aus Bayern von der Wiener Hilfsbereitschaft in den frühen Zwanzigerjahren, andererseits unterstützten die Tegernseer die Wiener Wa11berger, als diese Geld für den Hüttenbau sammelten. Im Verlauf der Dreißigerjahre und über die Kriegszeit werden die Kontakte weniger.
Erst nach dem zweiten Weltkrieg gibt es wieder gegenseitige Besuche.

Zum 60jährigen Bestandsjubiläum der Wiener Wallberger wurde mit Begeisterung eine Abordnung vom Tegernsee begrüßt, auch die Wiener Wallberger konnten sich durch die Verbesserung der Wirtschaftslage bedingt wieder eine Urlaubsfahrt an den Tegernsee leisten.

Die dritte Periode der engeren Kontakte wurde dann Ende der Achtzigerjahre, nahezu zur gleichen Zeit sowohl von Wien als auch von Egern-Rottach aus eingeleitet und führte zu regen gegenseitigen Besuchen.
Ein besonderer Höhepunkt war natürlich die Fahrt der Wiener Wallberger zum 100jährlgen Gründungsfest am Tegernsee, wo eine Abordnung unter Obmannstellvertreter Herbert Zwieb an den großartigen Festlichkeiten teilnahm und den "Daheimgebliebenen" durch Erzählungen und durch die Vorführung des Videofilmes, den sie von den Tegernseern erhalten hatten, den Mund wässrig machte. Groß war die Freude, als 1990 ein ganzer Autobus voll Tänzer und Tänzerinnen aus Egern-Rottach den Saal der Wallbergerhütte am Roppersberg in Schwingung versetzte. Schon bald danach konnten die Wiener bei ihrem Pfingstausflug 1991 selbst die großzügige Gastfreundschaft am Tegernsee genießen. wo sie fürstlich bewirtet wurden, in Hochstimmung die Tänzergruppen bewunderten und sich an Annamirls Schwänken erfreuten.

Diese Entwicklung läßt die Überzeugung wachsen, daß die freundschaftliche und bereichernde Beziehung der beiden Vereine weiter gedeihen wird, auch wenn die Gegebenheiten zur Brauchtumspflege in Wien und am Tegernsee grundsätzlich verschieden sind. In beiden Vereinen ist ja immer noch das Motto "Treu dem guten alten Brauch" lebendig!